Als Juristin mag ich mich zur Causa hier nicht äußern, das Eis wäre mir zu dünn, ich habe eine Meinung, die Rechtslage ist eine andere. Ich erinnere nur an die Causa ›Kachelmann‹ vor einigen Jahren in Deutschland. Ich denke, das Problem liegt woanders, liegt darin, dass es hunderttausende von Konsumenten von derartigem Mist gibt, die dafür auch noch gerne zahlen! Die gesellschaftlichen Maßstäbe, der Konsens, der uns alle mehr oder minder so Leben lässt, wie wir es mögen (nach mutmaßlich Immanuel Kant: Die Freiheit des einzelnen endet dort wo die Freiheit des anderen beginnt) haben sich so grundlegend verschoben, dass immer mehr Konflikte zu Tage treten. Und der Missbrauch der Anonymität durch, mittlerweile nicht mehr so wenige, diskreditiert alle anderen, auch jene, die davon ein Stück weit abhängig sind. Und da brauch‘ ich mich nur hier im EF umschauen …, es beginnt im Kleinen, und ich bin erst recht kurz dabei. Wenn ich hier nicht gesichert anonym sein könnte, wäre ich nicht hier. Als in einer beschränkten Öffentlichkeit stehende Juristin, könnte ich mir das beruflich einfach nicht leisten. Ich tät ungern wollen, dass meine Gegenüber mit denen ich verhandele wissen, dass die Frau Magistra eine devote Masochistin ist, ich mich meinem Partner, den doch auch einige kennen, freiwillig unterwerfen, mich von ihm schlagen lasse …; auch deswegen schon gar nicht, weil ich mich aktiv für Frauen einsetze, die sexuelle Gewalt erfahren mussten.
Ich möchte nicht wissen, wie vielen Männern ich beruflich begegnet bin, Herr Doktor, Herr Magister …, die zu Hause ihre Frauen, Partnerinnen seelisch und gewiss auch körperlich quälen, zumindest herabwürdigend behandeln. Und hier muss sich etwas wandeln, denn es gibt fast immer jemanden der Mitwisser / Mitwisserin ist. Gewiss, dumme Sprüche, frauenfeindliche, ja auch schwulenfeindliche Witze wurden immer schon gemacht, hinter vorgehaltener Hand, laut am Stammtisch, mit zunehmendem Alkoholgenuss, nahm auch die Lautstärke zu und alle haben mehr oder minder mitgelacht. Aber heut‘ braucht man keinen Stammtisch mehr. Das Bewusstsein muss sich ändern, wie Gisèle Pelicot gesagt und geschrieben hat: Die Scham muss die Seite wechseln. Es fängt meist angeblich harmlos an, ungewollte Berührungen, Angrabschen, ›lockere Sprüche‹ haben nichts mit Flirten zu tun.
Unter dem Aspekt, reflektiert mal euer eigenes Verhalten hier im EF.