Flirten macht das Leben süß...🤩

1. Flirten mit Augenkontakt


Wie die meisten Blinden und Sehbehinderten meide auch ich Orte, in denen man sich nicht gefahrlos bewegen kann – Discotheken, Lokale, Clubbings, aber auch Vereinslokale zählen dazu. Es ist zu laut, was eine verbale Kommunikation verhindert. Es sind zu viele Raucher dort. Der Rauch ätzt in den Augen und sie fangen an zu tränen. Es ist zu dunkel, was vielen Sehbehinderten die Orientierung erschwert. Die Baulichkeiten sind zu unübersichtlich, die Toiletten nur sehr schwer zu finden, überall muss man auf Erhöhungen und Stufen gefasst sein. An Tischen, Stühlen und sonstigen Gegenständen kann man sich stoßen und verletzen. Sehr oft benötigt man eine Begleitung, um überhaupt an dem Ort des Geschehens zu gelangen.

Blinde und Sehbehinderte Menschen sind hier eindeutig benachteiligt. Sie können den anderen nur sehr schwer bis gar nicht eingehend betrachten, das heißt über die Konstitution des anderen erfahren sie erst durch Erzählungen Dritter, oder indem sie den Körper des anderen betasten, was in unserer distanzierten Gesellschaft äußerst unüblich, ja geradezu verpönt ist und erst zu einem sehr fortgeschrittenen Zeitpunkt der Partnerwahl erfolgt.

Der Augenkontakt ist für Blinde gar nicht möglich und für Sehbehinderte erst aus aller nächster Nähe, wenn überhaupt, gegeben. Auch bei mir ist es sehr schwierig, da ich in der Ferne nur noch den Mann / die Frau verschwommen sehe und in der Nähe ist es auch sehr anstrengend. Auch hier muss der/die Blinde und der/die Sehbehinderte erst “ran an den Mann/der Frau”, um zu erkunden, was man voneinander zu halten hat.

Dazu kommt noch, das Nichtbehinderte einen weiten Bogen um Blinde und Sehbehinderte machen, um ihnen möglichst viel Platz zu bieten, was zwar die Bewegungsfreiheit des Blinden und Sehbehinderten erleichtert, die Kommunikation aber erschwert. Die Kennzeichnung mit der gelben Schleife und dem weißen Stock signalisiert zwar die Erblindung bzw. Sehbehinderung, wirft aber viele Blinde und Sehbehinderte sogleich bei der Partnersuche aus dem Rennen, weil die meisten Nichtbehinderten bei der Partnerwahl ohnehin schon unsicher und überfordert sind und mit dem Stigma einer Erblindung bzw. Sehbehinderung erst recht nichts anzufangen wissen.

Bewegungsarmut ist bei Blinden- und Sehbehinderten Menschen weitverbreitet. Die Gefahr, sich bei körperlicher Betätigung zu verletzen, ist viel zu groß. Ich meine, dass man sich dennoch körperlich betätigen sollte und nicht daran denken sollte, dass man sich eventuell auch verletzen könnte. Nur wenn man daran denkt, passiert es auch hin und wieder. Körperliche Betätigung ist gerade für Blinde und Sehbehinderte sehr wichtig. Sie kommen unter Menschen und denken nicht all zu viel über ihre Erkrankung nach. Ein Mann, der sich durch einen dicken Bauch auszeichnet, oder eine Frau, die viel zu dick und zu unförmig ist, wirkt bei der Partnerwahl alles andere als attraktiv.

Ist der erste Kontakt geglückt, beginnt nun die Phase der verbalen Kommunikation. Blinde und Sehbehinderte sind daran gewöhnt, die Dinge beim Namen zu nennen, um diese auch zu bekommen. Dadurch sind Blinde und Sehbehinderte verbal in vielen Fällen überlegen, wodurch die Sehenden sich wiederum überfordert fühlen.

Nichtbehinderte wiederum üben sich oft in kommentarlosen Deuten mit der Hand, zeigen mit dem Finger oder sagen in der Babysprache “Da, da!”. Mit solchen Kommunikationsformen können wir Sehbehinderten und die Blinden wiederum nicht viel anfangen. Wir benötigen klare und deutliche Anweisungen.

Am Ende eines Abends stellt sich dann die Frage, ob man die Nacht miteinander verbringen soll… Besonders behinderte Frauen glauben, sie dürfen sich kein Nein erlauben, weil ansonsten die so mühsam zustande gekommene Bekanntschaft sofort wieder zu zerbrechen droht. Viele glauben und es wird ihnen auch so von den nächsten Angehörigen vermittelt, das sie froh sein mussten, wenn ein Nichtbehinderter sich überhaupt für sie interessiert. Denn bei der heutigen Scheidungsrate haben Blinde und Sehbehinderte nur wenig bis überhaupt keine Chance mehr einen nicht behinderten Partner zu bekommen. Aus diesem Grund lassen sich Blinde und Sehbehinderte Frauen zu schnell auf intimen Kontakt ein. Scheitert dann die Beziehung aus irgendwelchen Gründen, verstärken sich die Minderwertigkeitsgefühle der blinden und sehbehinderten Frauen, weil sie glaubt, nur ausgenutzt worden zu sein.

Bei diesen ganzen Schwierigkeiten entschließen sich die meisten Blinden und Sehbehinderten Frauen oder auch Männer für ein Single-Leben oder suchen sich einen gleichwertigen Partner. Oder einen Partner, die/der auch dasselbe Schicksal erlitten hat. Aber auch damit werden die Probleme nicht keiner, sondern sie verlagern sich auf eine andere Ebene. :herzen: :herzen::winke:
 
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