Rein historisch haben die meisten großen, echten Künstler auch sehr viel "gekonnt". Daher hat sich der Irrtum eingeschlichen, dass "Kunst" automatisch dann entsteht, wenn einer etwas kann, was der andere nicht vermag.
Ich kannte mal jemand, der den Tee durch die Nase trinken konnte. Soviel dazu.
Kunst hat aber auch nix damit zu tun, dass jemand es "mag" - wer auch immer das jetzt sein soll. Die Dinge liegen schon ein bissl schwieriger. Wahrscheinlich kann man keine umfassende Definition abgeben, aber man kann viele Aspekte erwähnen, die wichtig sind und vorhanden sein müssen, damit nachher jeder das Gefühl hat, dass es sich hier wohl um Kunst handelt.
Aber jetzt zurück zu Kunst und Pornographie.... wie sehr das verflochten sein kann, kommt m.Mng. nach bei der Geschichte des Filmes "Der letzte Tango in Paris" raus. Viele Jahre, nachdem der Film damals entstand und in die Kinos kam, hat Maria Schneider den Regisseur Bertolucci beschuldigt, sehr unschöne Vorgangsweise benötigt zu haben, als der Film entstand. Im Wesentlichen ging es darum, dass Bertolucci das Machtgefälle zwischen Regisseur und der Schauspielerin inkorrekt eingesetzt hätte. Er habe ihr im Vorhinein nicht gesagt, welche genauen Handlungen in den Szenen z.B. dargestellt werden sollten (z.B. simulierter
Analverkehr). Diese Vorgangsweise habe dazu gedient, sie zu überrumpeln, um dann eine authentischere Reaktion auf der Leinwand zu erreichen. Bertolucci hat das auch eingeräumt, Schneider hat ihrerseits gesagt, dass diese Abläufe sie sehr belastet hätten.
Was ich faszinierend finde ist... wenn man diese Erklärungen (viele Jahre später) dann gehört hat, ahnt man, dass nicht nur die Bildsprache der Pornographie in den Film eingeflossen sein könnte, sondern auch die Vorgangsweisen, wie sie in der Pornobranche üblich sind. Ich denke, dass man da ganz genau kapiert, dass keine sehr strenge Grenze zwischen Pornographie und Kunst gezogen werden kann.
Der Film war ein Kunstwerk. Man kann Bertolucci als Künstler würdigen, möglicherweise wird man aber die Umstände menschlich später anders beurteilen.