Zu der Unterscheidung von "Porno" und "pornographische Kunst": falls du von Anfang an definierst, dass Porno halt etwas ist, das ausschließlich zum Aufgeilen dient, dann hast du natürlich recht. In diesem Fall diskutieren wir aber nicht über Inhalte, sondern über Definitionen, was ich für sinnlos halte.
Ich verstehe natürlich, dass man mit diesen Formulierungen verschiedene Situationen umreissen kann, wenn man will. Na dann... Vielleicht hat ja z.B. Bertolucci wirklich Kunst machen wollen, als er den letzten Tango gedreht hat - und herausgekommen ist dann eben nur künstlerische Pornographie. Auch so könnte man durchaus unterscheiden. Auch bei "L'Amant" von J.J. Annaud kann man das durchaus so sehen. Das ist eigentlich ein hochästhetischer Softporno. Als der Film damals rauskam, haben mir einige meiner Altersgenossen nur so vorgeschwärmt, was das für ein tolles Werk nicht ist.

Auch heute würde man das ohne mit der Wimper zu zucken bei Arte ausstrahlen.
Wollte Russ Meyer wirklich Kunst machen?

Seine Hauptdarstellerinnen? Echt jetzt? Machte Russ Meyer eher pornographische Kunstfilme oder doch künstlerische Pornos? Oder nur reine Pornos? Ist Russ Meyer ein Künstler, weil er ja eigentlich Kunst machen "wollte"? Aber - wollten seine Hauptdarstellerinnen das auch wirklich, oder wollten sie nur ihre Rechnungen bezahlen? Und wenn nein, sind sie dann keine Künstlerinnen, sondern nur der Regisseur?
Als Kunst "gedacht", Kunst muß "gewollt" sein.... das ist ein typisch europäisch, avantgardistischer Ansatz. Je näher du an Hollywood kommst, desto weniger wirst du diese Sichtweise treffen. Sehr oft kommt am Ende dieser Diskussion die Anforderung: Kunst muß immer politisch sein. Und letztlich (meistens aber unausgesprochen): natürlich muß sie auch links und feministisch sein.
Wie gesagt, ich verstehe was damit gemeint ist. In der meisten Zeit der Geschichte der Menschheit hat man das aber sicher wesentlich unbeschwerter gesehen. Aber ich will ja gar nicht in die Morgenstunden der Menschheit zurück gehen, zu den Höhlen von Lascaux oder zu Imhotep. Der war übrigens der erste uns bekannte Künstler, der sein Werk signiert hat. Ob er sich selbst eher als Künstler oder als Ingenieur gesehen hat, weiß keiner. Vielleicht wollte er ja nur einen großen schönen Grabstein bauen, und es kamen die Pyramiden dabei raus.
Gehen wir einmal zu Leuten wie John Lennon oder Elvis Presley, dem Lastwagenfahrer. Wenn ich kapiere, das John Lennon vermutlich wirklich Kunst machen wollte, ist mir das bei Elvis Presley schon deutlich weniger klar. Und: natürlich kann ich jetzt definieren - genau deshalb ist die Musik von Elvis eben keine Kunst, jene von John Lennon hingegen doch.
Hoch lebe die Deutungshoheit.
Die politische Sicht der Kunst heute, die könnte in 100 Jahren schon wieder irrelevant sein. Letztlich ist es auch eine normative Sicht - so SOLL Kunst sein. Ich denke hingegen, viele, die heute Kunst machen wollen, machen oft nix als politische Agitation, auch wenn sie sich noch so sehr dagegen streuben. Wie man das dann aber definiert: da siegt dann oft der Lauteste.
Über viele Dinge werden die Jahrhunderte drüberwandern, und manches, was sich heute als Kunst sieht, wird dann nicht einmal im Mistkübel schlummern, sondern in der Vergessenheit. Ich denke, dass manche Menschen Kunst erzeugen, egal ob sie es eigentlich wollen. Andere erzeugen es nicht, so sehr sie sich bemühen, und so sehr sie sich in der linken Kulturszene auch vernetzen.