Frühe Neuzeit
Im Zuge der Renaissance werden viele alte Schriften wiederentdeckt und übersetzt, darunter Bü-
cher zu Körper und Anatomie. Ambroise Paré (1510-1590) schildert in seinem ersten Buch der
Anatomie die
Klitoris und verweist darauf, dass die Zusammenhänge zwischen Klitoris und Lust
von „den Frauen missbraucht werden könne und diese daher zu binden oder zu schneiden
seien“.20 Jean Riolan (ca. 1580-1657) fordert sogar die komplette Entfernung der Klitoris, um so
die zügellose weibliche Sexualität zu disziplinieren.21
Im 18. Jahrhundert wird die Beschneidung von Frauen und Mädchen in Enzyklopädien in unter-
schiedlichen Artikeln erwähnt und beschrieben. So wird im Chambers Dictionary die Beschnei-
dung der Klitoris analog zur Entfernung der männlichen Vorhaut erwähnt.22
5. 19. und 20. Jahrhundert
Auch wenn die weibliche Beschneidung in Europa bereits seit dem Mittelalter bekannt ist, so
wird sie jedoch erst im 19. Jahrhundert bis in die 1940er Jahre breiter diskutiert und praktiziert.23
Klitoridektomien (operative Entfernungen der Klitoris)24 und andere operative Eingriffe wie
Kauterisationen (Abtrennen der sekundären äußeren Geschlechtsorgane durch Hitze) und Infibu-
lationen (Verschließung der Genitalöffnung)25 werden zur Bekämpfung von „weiblichen Leiden“
wie Hysterie, Nervosität, Nymphomanie, Masturbation vorgenommen, um diese zu heilen.26 27
Bedeutende Fürsprecher dieser Praktiken sind der Londoner Arzt Isaac Baker Brown, welcher
Texte veröffentlicht, in denen er die Klitoridektomie zur Behandlung vorher genannter, nervöser
Erkrankungen empfiehlt28 und der Wiener Gynäkologe Gustav Braun, welcher ebenfalls Klito-
ridektomien vornimmt, um Vaginismus und Masturbation zu kurieren.29
Die Verbreitung der Klitoridektomie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lässt sich vermut-
lich unter anderem im Zusammenhang mit der Anti-Masturbations-Debatte, der Idee der Re-
flexneurose und der allgemeinen Annahmen über weibliche Sexualität erklären. So wird Mastur-
bation allgemein als eine Krankheit oder als krankheitsauslösend aufgefasst.30 Weiter nimmt man
an, dass die weiblichen Genitalien Neurosen und Störungen, wie z.B. Hysterie, auslösen könn-
en.31 Zudem geht man davon aus, dass das weibliche Sexualverlangen und -empfinden grund-
sätzlich geringer sei als das des Mannes. Zeigt eine Frau ein von dieser Auffassung abweichende
Verhalten, gilt dies als krankhafte Nymphomanie und somit als behandlungswürdig.
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Auch wenn die Klitoridektomie in der Fachwelt des 19. Jahrhunderts in Europa kontrovers dis-
kutiert wird und der Arzt Isaac Brown 1867 seine Entlassung beim „London Surgical Home“ ein-
reicht, wird der Eingriff weiter vorgenommen.34
Die letztmals bekanntgewordene Klitoridektomie in den USA gibt es 1953 bei einem zwölfjähri-
gen Mädchen.
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6. Gründe für Beschneidungen von Mädchen und Frauen
Die Gründe, die bis heute für Beschneidungen angeführt werden, variieren je nach Region und
kulturellem Hintergrund, weisen aber auch Gemeinsamkeiten auf. Tradierte Vorstellungen bis
hin zum Aberglauben dienen als Motive für die Genitalbeschneidung, jedoch gibt es auch ökono-
mische, soziale und psychologische Begründungen.