Ich habe im Februar/März Die Regeln der Kunst von Pierre Bourdieu gelesen. An den Beginn des Buches stellt Bourdieu die These, dass die Struktur von Gustave Flauberts Roman Die Erziehung des Herzens sich als die Struktur des sozialen Raums, in dem der Autor des Werks selbst situiert war (19) erweist. Den größten Teil des Prologs macht eine Analyse der Erziehung nach (weitgehend) textimmanenten Kriterien aus, darauf folgt ein etwas kürzerer Teil, der die Beziehung Flauberts zu seinem Roman behandelt; in Bourdieuscher Terminologie ausgedrückt: wie die Position die Positionierung bestimmt.
Im darauffolgenden Kapitel wird die Entwicklung des künstlerisch-literarischen Feldes in Frankreich behandelt. Bourdieus Thesen seien hier holzschnittartig wiedergegeben: Das literarische Feld bildet sich als Teil des sozialen Raums in der Mitte des 19. Jahrhunderts zwischen einem Pol der reinen Produktion und einem der Massenproduktion heraus. Stark an der Entwicklung beteiligt ist die sich formierende Bohème und deren Distinktionsabsichten (die sich in der Lebensführung, der Kunstproduktion und rezeption äußern) zur bürgerlich-feudalen Gesellschaft. Das Auftauchen der Bohème bedingt eine neue Regel im sich formierenden autonomen Teil des Feldes: Wer verliert, gewinnt der Künstler kann nur dann symbolisches Kapital ansammeln, wenn er ökonomisches Kapital verliert: die Idee der reinen Kunst entsteht, die um so reiner ist, je weiter sie von jedem kommerziellen Gedanken entfernt ist. Im Lauf der Jahre wird dieser autonome Teil des Feldes zum zwar ökonomisch dominierten, aber ästhetisch dominierenden Faktor. Netzwerke begleiten den Prozess: Noch nicht anerkannte Sammler und Galeristen investieren, um Prestige zu erringen, Schriftsteller und Kritiker wollen sich als Intellektuelle profilieren. In Verbindung mit dem Teil der künstlerischen Massenproduktion entwickelt das Feld eine dualistische Struktur.
Im darauffolgenden zweiten Teil (den Prolog nicht mitgerechnet) des Buches abstrahiert Bourdieu seine Thesen und vertieft vieles, was oft sehr eingehend bereits ausgeführt wurde, zu einer allgemeinen Feldtheorie der Kunst. Er beschreibt die Subfelder der eingeschränkten Produktion und der Massenproduktion, die illusio den Glauben an die Werte der Kunst, die Beziehungen zwischen Disposition, Position und Positionierung, welche wiederum entscheidend für die tatsächliche Gestaltung des Kunstwerks in einem Raum der Möglichkeiten sind. Dieser, als Geschichte des Kunstfeldes, gibt wahrscheinliche Zwänge und mögliche Nutzungen vor. Innovationen sind danach nur möglich, wenn sie in Form struktureller Lücken virtuell bereits existieren. (372)
Im dritten Teil geht Bourdieu auf Fragen nach der zunehmenden Entwicklung des modernen Kunstwerks als eines der Selbstreferenz und reflexion ein.
Tolles Buch, der Prolog ist ein wenig wacklig.