Also ... religiöse Aspekte sind auch Konstrukte ... grundsätzlich ging es bei Ehe an sich immer um Besitz, Macht, Ansprüche, Erbschaftsfolgen, Absicherung etc. ... diese idealisierte romantische Aspekte sind eigentlich relativ Neu.
Vorab: Man weiß nichts bis sehr wenig über die Ehe der
unteren Stände bis ins 19. Jahrhundert hinein. Alles Geschriebene bezieht sich auf Bürgerliche oder Adlige, und wenn es die Zustände des gemeinen Volkes beschreibt, dann aus einer Sicht "
von Oben herab", also von Adligen oder Bürgerlichen.
Ehen wurden bis in die Zeit der Romantik (19. Jahrhundert) generell arrangiert, diese Tradition hielt sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein (auch für mich war eine Ehe für die 1980er Jahre geplant, allerdings nicht von meinen Eltern, sondern von einem Geschäftspartner). Das Ziel war nicht eine romantische Beziehung, sondern, wie Du schreibst, waren es materielle Interessen.
Eine Frau war ja prinzipiell nicht handlungs- oder erwerbsfähig, und zwar auch im juristischen Sinne. Sie brauchte also einen Mann, der sie erhielt. Umgekehrt waren Männer nicht fähig, einen Haushalt zu führen, sie waren also auf eine Frau angewiesen (die Einschränkungen der Männer waren natürlich insbesondere gesellschaftlich bedingt). Natürlich gab es alte Jungfern und gelegentliche Hagestolze, aber die Gesellschaft war so organisiert, dass ein unverheiratetes Leben eigentlich unmöglich war.
Die Ehe stellte also eine gute Möglichkeit dar, ein gesellschaftlich akzeptables Leben führen zu können. Beide erwarteten sich Harmonie. Sie waltete im Haus, dirigierte das Personal und sorgte für Musik (weshalb auch in allen Wohnungen meiner Kindheit ein Klavier stand), er verdiente das Geld und kam Mittags zum Essen und Abends für die Freizeit nach Hause. Natürlich hatte er eine Geliebte. Das Wort sagt sehr viel: Die Liebe zur Gattin war nicht angedacht, sie war eher als eine Kameradin geplant, mit der man lebenslang verbunden war. Ehelicher Sex diente der Fortpflanzung. Die Geliebte, im Gegensatz, war geliebt und sie war natürlich für die Erotik zuständig. Sie war, im Gegensatz zur Frau, zumeist nicht
von Stand. Natürlich wusste die Frau davon, zumindest, wenn sie nicht ganz blöd war, aber das war einfach so. Er ließ sich zuweilen sogar öffentlich mit seiner Geliebten sehen, es gibt zum Beispiel viele Bilder von Franz-Joseph mit Katharina Schratt, es war kein Geheimnis.
Sexuelle Erfüllung für Frauen war nicht vorgesehen. Frauen hatten kein sexuelles Begehren (zu haben). Sie waren treu (oder Schlampen, die man verstoßen musste).
Viele dieser Rollenbilder wirken noch bis heute weiter. Sie werden tradiert, mit der Muttermilch aufgesaugt.
Erst die Romantik hat die Liebe erfunden. Werthers obsessive Zuneigung zu Lotte sei als Beispiel erwähnt. Lotte entscheidet sich gegen eine Liebesheirat, sie ist Albert versprochen, den sie nicht liebt, aber
achtet, wie Goethe schreibt. Ein fataler Fehler, fatal für Werther, der sich töten muss, fatal aber auch für Lotte, der es unmöglich ist, Albert treu zu bleiben, der das Glück ihres Lebens, also Werther, trotzdem versagt bleibt.
Ein anderes Beispiel für Ehemodelle sei Effi Briest von Fontane. Effi wird an einen älteren Mann verheiratet und lebt neben ihm her. Er schwängert sie zwar, vernachlässigt sie aber zu Gunsten seiner Kariere. Aus Langeweile (nicht aus sexuellem Begehren heraus) fängt Effi eine Affäre an, die dann aber auch wieder endet. Liebe kommt in der Geschichte überhaupt nicht vor, Fontane gesteht Effi einzig Liebe zu ihrem Kind zu (Mutterliebe ist ein edles Gefühl!). Auch dieser Roman endet übrigens tragisch. Effis Mann findet Jahre später Effis Liebesbriefe. Die Sache bewegt ihn nicht besonders, weil aber ein Freund davon erfährt, muss er Effi verstoßen (sie geht daran zugrunde) und sich mit Effis ehemaligem Liebhaber duellieren (er tötet ihn).
Wie gesagt, über die Paarbeziehungen der unteren Klassen weiß man nichts, denn sie waren nicht Gegenstand der Literatur. Sie waren marginalisiert, konnten kaum Lesen und Schreiben und waren für das zahlungskräftige Publikum uninteressant, und auch nach Maria-Theresias Reformen, die zu einem Boom für Groschenromanen am Buchmarkt sorgten, waren sie kein Thema, denn wie das Leben der untersten 90 % verlief, wussten sie zur Genüge, sie träumten sich in einen gesellschaftlichen Aufstieg. Das kennt man übrigens auch heute noch, Soapoperas und Telenovas spielen zumeist in der Oberschicht.