"Für Sexsüchtige ist Sexualität nicht lustvoll und befriedigend, sondern zwanghaft und selbstzerstörerisch"
der erste teil des satzes trifft auf viele leute zu, die zb orgasmusprobleme haben, der zweite teil basiert auf einem normativen ich-begriff, der nicht definiert ist.
Das ist schon richtig, aber ich glaube, das Zitat ist nicht als Definition, sondern als Symptombeschreibung gemeint. Wenn man diese Krankheit hat, dann leidet man unter den beschriebenen Symptomen. Umgekehrt konstituiert aber nicht ein einzelnes dieser Symptome schon die Krankheit.
Der Ich-Begriff ist sicher ein Problem, und wenn man das Wort "selbstzerstörerisch" analysiert, dann löst es sich förmlich unter unseren Augen auf - wie soviele Begriffe, mit denen man im täglichen Leben umgeht (oder aus praktischen Gründen vielleicht sogar umgehen muss), die aber höchst schwammig und fragwürdig sind.
Vielleicht könnte man statt dessen sagen "(...) und riskiert körperliche Schäden"? Dieser Begriff lässt sich vielleicht auch nicht auf Punkt und Komma festnageln, aber eine ungefähre Vorstellung davon gibt die Medizin schon.
der weg ins "soziale aus" ist dann wohl der ökonomische ruin, also ist der reiche "sexsüchtige" noch lang nicht "sexsüchtig", weil er es sich leisten kann, während der aus der unterschicht es auf grund seiner geringeren mittel schon lange ist?
Das ist ein guter Punkt, aber er zeigt -glaube ich- eher, dass praktisch-medizinische Definitionen wissenschaftlich unsauber sein können, als dass er a priori die Existenz des beschriebenen Gegenstands in (starken) Zweifel zieht.
Ich würde diese Beschreibung so interpretieren, dass sie meint, dass die Handlungen des Betroffenen dazu angelegt sind, ihn -bei unveränderter Fortführung- eines Tages in den finanziellen Ruin zu führen. In diesem Sinn können dann Arm und Reich ganz gleichberechtigt und zum selben Zeitpunkt sexsüchtig werden, auch wenn die finanzielle Existenz bei dem einen früher gefährdet ist als bei dem anderen. Das ist aber z.B. bei der Alkoholsucht auch so und im Wesen ungleicher Besitzverteilung.
was sind wissenschaftlich gesehen "unwürdige situationen"?
Ich gebe zu, dieser Begriff schießt den wissenschaftlichen Vogel ab.

Wörtlich genommen, ist er so gesellschafts-, kultur- und auch schichtspezifisch, dass mit ihm wahrscheinlich nur äußerst wenig anzufangen ist. In meinem Herzen habe ich die Formulierung umgedeutet zu "bringt sich in Situationen, die der Betroffene (eventuell im Nachhinein) als unwürdig empfindet". Das ist viel schwächer und auch schwierig, weil es medizinisch möglicherweise nicht ausreicht, aber weniger angreifbar als eine kontrafaktische Definition: "bringt sich in Situationen, die der Betroffene als unwürdig empfinden würde, wenn er nicht unter dem Einfluss des Rauschmittels stünde". Wobei ich bei Drogen mit dieser Kontrafaktizität eher etwas anfangen könnte als bei nichtstofflichen, rein psychischen Abhängigkeiten.
wenn alle, die ihren partner belogen haben, sexsüchtig sind, dann sind das an die 100% der gesellschaft, denn der mensch ist das lügende wesen per se.
Ich glaube, so ist das auch nicht gemeint.

Viele Süchtige, die in einer Partnerschaft leben, belügen ihren Partner ("eh nur ein Glas Wein", "eh nur länger im Büro gewesen"). Der Umkehrschluss, dass jeder Lügner sexsüchtig wäre, ist eher nicht gemeint.
der ganze suchtbegriff ist meiner ansicht nach nicht haltbar (im wissenschaftlichen sinn, als metapher von mir aus), weil die grenze zwischen "normalen sex" und sucht nie messbar definiert werden kann.
Bei psychischen Süchten ist das sicher besonders schwer, weil die einzigen Kriterien, über die man sich wahrscheinlich einigen kann, der Zwang und das subjektive Leiden sind: Sobald jemand getrieben ist, etwas zu tun, was er bewusst nicht tun will, hat er ein Problem und sieht das so - dieses Problem kann Sucht sein. Sobald er regelmäßig darunter leidet, bestimmte Handlungen zu setzen oder gesetzt zu haben, hat er ebenfalls ein Problem - das Sucht sein kann.
Wenn weder Zwang gefühlt wird noch subjektiv Leiden erlebt -bei einer dauerhaften Manie, soferne es die wirklich auf Dauer gibt- ist es wissenschaftlich schwerer, und auch ethisch schwerer: Der Betroffene ist ja perfekt glücklich in diesem Zustand, akut zu Schaden kommt bestenfalls seine Umwelt - normalerweise eines Tages aber auch er. Bloß ist diese Schadensdefinition wirklich etwas Gesellschafts- und Kulturabhängiges.
Ich weiß keinen echten Ausweg aus diesem Problem. Mein naiver Ansatz wäre der, zwar schon gesellschaftliche Normen heranzuziehen, aber nur äußerst behutsam und nur solche, die sehr lange Bestand haben, möglichst wenig restriktiv sind und von keiner Gruppe mit guten Argumenten angegriffen werden.
Das ist natürlich höchst schwierig und fragwürdig, aber der völlige Normenverzicht würde meiner Meinung nach mehr Probleme schaffen, als er lösen würde.
er hat als solcher ein mittel zur normierung, das wie immer heutzutage unter der fahne des einzig heute gültigen mythos, der wissenschaft, daherkommt, aber gesellschaftlicher anpassung dient.
Keine Frage, gesellschaftliche Anpassung wird übertrieben und von zu vielen Seiten forciert. Ich möchte nur einwerfen, dass die Wissenschaft nicht nur in diese Richtung arbeitet - gerade die Geistes- und Humanwissenschaften sind oft außerordentlich kritisch, eine Haltung, die man aber durchaus auch in naturwissenschaftlichen Zirkeln finden kann. Als Zeugen möchte ich die Arbeitssucht vor den Vorhang rufen: Sie ist gesellschaftlich höchst erwünscht -in der Tat wird der Zwang dazu, deren Symptome aufzuweisen, immer größer-, und dennoch wird sie von der Wissenschaft untersucht und als solche aufgezeigt.
Viele Grüße,
N.N.