Das halte ich für einen Trugschluß, weil hier der "menschliche Faktor" nicht berücksichtigt ist. Sicher ist in reiferem Alter vielen eher egal, was über sie geredet wird. Aber jenseits des Berufslebens wird das private Umfeld wichtiger, und wenn Familie - Freunde - Bekanntenkreis sich's "Maul zerreissen" bzw. einen ausgrenzen, weil angeblich oder tatsächlich ein völlig unmöglicher Lebenswandel geführt wird, kann das durchaus vernichtend wirken.
Ich bin auch nicht so grundsätzlich davon überzeugt, daß "Scheiß drauf, was die anderen reden" so generell von jedem praktiziert werden kann. Mein Risiko diesbezüglich war überschaubar: ich war ledig, hatte keine familiären Bindungen (weder Kinder noch Verwandtschaft), ich lebte in einer Großstadt, in der es für alles und jeden soziale Nischen gibt und ich wußte: wenn ich arbeitslos werde oder kündige, weil gemobbt wird - es hängen keine betroffenen Kinder oder Partnerinnen dran. Das verschafft einem den Luxus, drauf zu pfeifen oder zumindest zu wissen, daß man ausschließlich selbst das Risiko trägt, wenn's schief geht.
Und darüber hinaus: vor Jahren gab's in meinem damaligen Betrieb auch ein Ehepaar, das ständig davon erzählte, daß sie Swinger sind, wie offen sie sind usw. - das fand ich absolut unangemessen und soweit ich das sehen konnte, waren die meisten anderen Kollegen davon eher peinlich berührt. Über die beiden wurde tatsächlich getratscht und zwar nicht im positiven Sinn. Es ist schon ein Unterschied, ob ich zu dem stehe, was ich bin oder ob ich andere ungefragt an meinem Intimleben teilhaben lasse. Zur Verdeutlichung: jemand der homosexuell oder auch BDSM oder von mir aus asexuell lebt kann das äußern und dazu stehen, Details gehören aber dann doch eher in den privaten Bereich. Da ziehe ich für mich zumindest die Grenze in Sachen Offenheit.