Es schafft mE eine verzwickte Rechtslage - das Gericht sagt, ein jedes Mädchen muss am Schwimmunterricht teilnehmen, weil es ja im Fall des Falles Burkini tragen darf; der Badbetreiber sagt wiederum, das geht gar nicht wegen der Badeordnung.
In dem verhandelten Einzelfall bestand dieses Problem offenbar nicht. Auch sonst lese ich von Hallenbadbetreibern eigentlich überwiegend, es sei kein Problem. Falls es irgendwo anders ausschaut, können Schülerinnen in den betroffenen Bädern eben keinen Burkini tragen und dann wahrscheinlich nicht am Schwimmunterricht teilnehmen. Man wird in diesen Fällen evtl. noch mal genauer prüfen, ob die technischen Gründe für das Burkiniverbot überhaupt noch aktuell sind (zwischenzeitlich bessere Filteranlagen eingebaut, etc.), und dieses womöglich aufheben, was dann auch zu mehr Freiheit für diejenigen führt, die lieber Badeshorts als Speedos tragen. Die kritische Auseinandersetzung mit den Forderungen von Minderheiten muss also nicht zwangsläufig immer nur zu Verschlechterungen und Einschränkungen führen, sondern regt oft zu einem sinnvollen Neuaufgreifen und noch mal Anschauen von Bestimmungen an, die veraltet sind.
Mir fehlt halt auch am (vorläufigen) Ende meines Nachdenkprozesses leider das Verständnis dafür, dass manche Zuwanderer sich darauf versteifen, ihre gegen die Regeln des Gastgeberlandes verstoßenden Eigentümlichkeiten durchsetzen zu wollen.
Wie auch in dem von MANON1 in
Beitrag #264 zitierten aktuellen
Interview mit Barbara John ("Bei Muslimen verhalten wir uns wie Pubertierende", Die Welt, 05/2016) geschildert, finde ich, man sollte nicht in alles, was anders und ungewöhnlich ist, gleich einen nicht hinzunehmenden Verstoß gegen Regeln und Eigentümlichkeiten des "Gastgeberlandes" hineininterpretieren.
Für mich ist ein Burkini kein solcher. Nichts am Burkini ist wirklich ungewöhnlich: rein optisch ein Neoprenanzug mit Haube und etwas weiter geschnittenem Oberteil, vom Material her ein klassischer Badeanzug. Allerdings steht anders als bei der Funktionskleidung eines Tauchers oder Profischwimmers natürlich eine vom Mehrheitsempfinden abweichende religiöse Gesinnung und Sexualmoral dahinter.
Auffassungen von Religion und Sexualität, die ich nicht teile, muss ich allerdings ein Stück weit aushalten können. Das ist in meinen Augen eine der wesentlichen Regeln und Eigentümlichkeiten, auf die wir uns in Österreich geeinigt haben.
Das Weltbild einer Frau, die im Burkini ins Schwimmbad geht, und das ihres Mannes übernehme ich nicht, und ich fürchte mich auch nicht davor, dass z.B. Kinder, denen ich ganz unaufgeregt erkläre, warum die Frau einen Burkini trägt und warum ich das nicht tue und von meinen Partnerinnen nicht erwarten würde, dadurch zu muslimischen Fanatikern werden.
Wenn man tatsächlich beginnt, meine Freiheiten einzuschränken, falls also z.B. spezielle Öffnungszeiten in Bädern für muslimische Frauen gefordert werden, während der ich als Mann das Bad nicht betreten dürfen soll (frei erfunden, ich weiß nicht ob solche Forderungen schon mal irgendwo gestellt wurden, aber das ist hier auch nicht relevant), kann ich klar Stellung beziehen und sehr ruhig auf der Basis unserer Gesetze argumentieren.
Ich bin auch dafür, dass man z.B. darüber spricht, warum z.B. muslimische Eltern sehr viel häufiger gegen die verpflichtende Teilnahme von Töchtern am Schwimmunterricht klagen als gegen die von Söhnen, wodurch sich in der Summe eine Ungleichbehandlung von Töchtern und Söhnen offenbart. Aber bitte auf eine unaufgeregte und ehrliche Art, und ohne dabei zu übersehen, dass es auch im christlichen Umfeld gang und gäbe ist, Mädchen in sexueller Hinsicht strenger zu erziehen und mehr einzuschränken als Jungen und sie vor den Gefahren, die vom männlichen Geschlecht ausgehen, zu warnen; in einer Gesellschaft, in der wir Jungen bereits über mehrere Jahrzehnte hinweg gezielt zu mehr Respekt gegenüber Frauen erzogen haben.
Dort, wo Leute noch nicht an einer Grenze kratzen, ist es meiner Meinung nach sinnvoll, einen Schritt auf sie zuzugehen, den Dialog zu suchen, und mit ihnen über die Grenze, auf die sie sich zubewegen, zu reden. Dialog bedeutet dabei nicht, ein Horrorszenario an die Wand zu malen und den Leuten entgegenzuschreien, sie sollen es bloß nicht wagen, sich der Grenze zu nähern, und auch nicht, unkritisch zur Seite zu treten und den Leuten alles Gute für das Überschreiten der Grenze zu wünschen.
Es gibt ja auch unter Österreicher/inne/n genug g'schamige Menschen, und die kommen offenbar auch sehr gut mit den bestehenden Möglichkeiten ihrer Schwimmbekleidungswahl zu Recht, oder nicht?
Wieviele korpulente österreichische Seniorinnen den Besuch eines Schwimmbads meiden, weil sie sich schämen, im hautengen Badeanzug und mit Orangenhaut in die Öffentlichkeit zu gehen, weiß ich nicht. In einem der von mir
verlinkten Artikel lese ich dazu von einer 76-jährigen gebürtigen Münchnerin: "Diese Badekleidung [Burkini] entspricht meinem Glauben - und verdeckt wunderbar meine Falten".
Also wird hier nicht eher ein Problem von Seiten der Zuwanderer konstruiert, Gerichte bemüht, und im Fall der erwartbaren Niederlage drüber gejammert, wie intolerant die Gastgebergesellschaft sei?
Die Gerichte werden vorwiegend dann bemüht, wenn Badbetreiber Burkinis in offensichtlich diskriminierender Weise und eben z.B. nicht aus technischen Gründen verbieten, oder wenn z.B. Mädchen (meist repräsentiert durch ihre Eltern) entgegen ihrer religiösen Überzeugungen am koedukativen Schwimmunterricht teilnehmen sollen, und sie nicht gezwungen werden möchten, sich in einer Weise zu entblößen, die sie als schamverletzend empfinden.
Da werden Menschen in sehr persönlichen Bereichen berührt und mit Einschränkungen konfrontiert. Ich halte das in den meisten Fällen nicht für ein "konstruiertes Problem", und in einem Rechtsstaat auch eine Klage zur Klärung solcher Fragen nicht per se für eine unangebrachte Form der Auseinandersetzung mit dem Thema. Oft werden allerdings einzelne Menschen, die sich durchaus nachvollziehbar ungerecht behandelt fühlen, ungut beraten und darin bestärkt, sich in irrige Annahmen hineinzusteigern, wenn z.B. Badbetreiber verklagt werden, die das Tragen von Burkinis völlig diskrimierungsfrei untersagen.
Mir kommt dieses Verhalten in etwa so vor, als würde ich nach Mallorca reisen und dort darauf bestehen, in Badeshorts durch die Städte und Dörfer flanieren zu dürfen, obwohl das seit einiger Zeit dort explizit verboten ist. Das würde mir von den Einheimischen dort zu Recht als Arroganz ausgelegt werden.
Nun berührt die Vorschrift, doch bitte nicht nackt, in Unterwäsche oder Badekleidung sondern ein wenig dezenter gekleidet durch die Stadt zu spazieren, Dich allerdings nicht in Deinem Schamgefühl oder (damit eng verknüpften) religiösen Vorstellungen und lässt Dich auch sonst ziemlich kalt. Du findest die Vorschrift wahrscheinlich sogar eher ganz vernünftig.
Wie wären die Reaktionen dagegen, wenn man auf Mallorca entschieden hätte, dass die zu zugeknüpfte Kleidung einiger deutscher Touristen ein Problem darstellt, weil sie nicht dem sommerlich entspannten Lebensgefühl der einheimischen Bevölkerung entspricht, und man daher das Tragen von Kleidung, die Knie, mehr als 50% der Oberschenkel, die Ellenbogen oder den Bauchnabel bedeckt, in der Öffentlichkeit verboten hätte, ebenso wie das Tragen von Badeanzügen und von Badehosen mit Beinen, die von einer Mehrheit der Mallorquiner als "hässlich" abgelehnt werden (Nacktbaden, Bikini oder Speedo werden zur Pflicht)?