In Schweden musste vor einiger Zeit ein Grünen-Politiker
zurücktreten, weil er einer TV-Journalistin vor laufender Kamera den Handschlag verweigert hatte. Stattdessen hatte er zur Begrüßung die Hand aufs Herz gelegt. Erfolgte sein Rücktritt zu Recht?
Eine persönliche Entscheidung. Aber die Frage, wie wir auf solche Gesten reagieren, ist schon spannend, weil wir damit Aussagen über uns selbst als Nichtmuslime machen. Als mir einmal ein Imam den Handschlag verweigerte, habe ich sanft seinen Arm berührt und gesagt: Mein Glaube erlaubt mir das. Es ist eine Wertschätzung.
In Deutschland hat der Fall eine große Debatte ausgelöst. Für mich ist beides spleenig: die Verweigerung des Handschlags, aber auch die empörten Reaktionen. Das sind Reflexe, wie sie in geschlossenen Stammesgesellschaften üblich sind. Aber in einer offenen Gesellschaft brauchen wir neue Maßstäbe: Was ist wesentlich, und was ist unwesentlich? Wie wollen wir verträglich zusammenleben, wenn jede unwichtige Normabweichung gleich als Integrationsverweigerung skandalisiert wird?
Immer gleich die Stacheln aufstellen: So senden wir die Botschaft aus, wir können dich nur akzeptieren, wenn du dich genauso verhältst wie wir. Ist das die Standardkultur einer Gesellschaft, in der der Einzelne den höchsten Stellenwert hat und nicht seine Abstammung, Religion oder Herkunft?
Sollten wir uns fragen, ob wir wirklich auf jede unwesentliche Eigentümlichkeit, jede Absonderlichkeit, jeden Spleen, die es in allen Kulturen und in allen Religionen gibt, mit der Gesetzesmaschinerie und der gesellschaftlichen Verteufelung reagieren wollen? Was für ein Mangel an Souveränität. Ich bin von der Attraktivität der persönlichen Freiheit, die offene Gesellschaften auszeichnet, überzeugt.
Wenn wir so weitermachen – ängstlich und kleinmütig – und uns auf jeden Normabweichler stürzen, als hätte er Macht und Einfluss, die wesentlichen Werte nur durch seine Anwesenheit und seine Praktiken abzuschaffen, stellen wir uns ein Armutszeugnis aus.
Das heißt nicht, dass es keine Abgrenzung geben muss gegenüber bestimmten Praktiken und Verhaltensweisen – etwa wenn Mädchen zwangsverheiratet oder beschnitten werden sollen. Aber wir kommen nicht weiter, wenn wir mit der Lupe nach Abgrenzungen suchen.
Geben wir zu viel Rabatt auf unsere kulturellen Werte?
Welcher kulturelle Wert ist denn beschädigt, wenn Kopftücher getragen oder der Handschlag verweigert wird? Befürchten wir tatsächlich, dass die Errungenschaften der Aufklärung und der Demokratie, die hier über Jahrtausende erkämpft wurden, kaputtgehen, wenn mir jemand die Hand nicht schüttelt? Die Attraktivität der Freiheit macht vor den Muslimen nicht halt. Die sind ja auch nicht hierhergekommen, weil das Leben hier so fürchterlich ist, sondern weil sie schätzen, wie wir leben.
Machen wir uns also zu klein, wenn wir uns darüber aufregen?
Wir unterwerfen uns freiwillig. Wir sehen uns überfremdet, wenn uns jemand die Hand nicht gibt. Das ist lächerlich. Wir sollten mehr auf die Traditionen offener Gesellschaften vertrauen. Sie sind das Beste, was Menschen bisher erreicht haben. Und gehört es nicht auch zur Freiheit, nicht die Hand zu geben? Diese Hysterie für ein so kleines Karo.
Wir kommen nicht weiter, wenn wir bei den Menschen, die unsere Nachbarn sind, mit denen wir Geschäfte machen, permanent nach Unterschieden suchen und sie zwingen, so zu werden wie wir. Nach dem Motto: Der beste Muslim ist einer, der nicht so aussieht, den man nicht dafür hält und der keine Moschee braucht.
Dass wir eine Einwanderungsgesellschaft geworden sind, bestreitet heute niemand mehr. Damit einher geht aber auch die Forderung nach schnellstmöglicher Integration. Was bedeutet das überhaupt?
Bildung, Arbeit, also strukturelle Teilhabe, auch kulturelle Anpassung, allerdings gegenseitig. Also Ertragen der erträglichen, unwesentlichen Eigenheiten, Toleranz gegenüber anderen Sitten und Bräuchen. Natürlich in beide Richtungen: Auch die Neuankommenden müssen ja tolerieren, dass manche Dinge hier anders laufen. Dass zum Beispiel ständig und überall Alkohol getrunken wird, dass Homosexualität völlig akzeptiert ist, dass man am Strand Nackten begegnen kann.
Burkatragen in der Öffentlichkeit ist jedoch, wie öffentlich nackt herumlaufen, ein Ärgernis, also unerwünscht.
Bei Muslimen verhalten wir uns wie Pubertierende.
B.J.