Man müsste wohl auch zuerst mal fragen : "Welches Tantra meinst Du?"
Buddhistisches Tantra? Kaschmirischen Shivaismus? Hinduistisches Tantra? Neotantra?
Im Westen meint mal wohl meistens Neotantra, das mit dem ursprünglichen Tantra wenig bis nichts zu tun hat. Nehmen wir als Beispiel mal das Hevajra-Tantra. Da gibt es eine blauhäutige Figur, mit 8 Gesichtern in unterschiedlichen Farben, 16 Armen, die in jeder ihrer 16 Hände etwas anderes hält, 4 Füße, tanzend auf seinen toten Feinden, geschmückt mit Ketten und Schmuck aus Totenschädeln, in sexueller Vereinigung (stehend wohlgemerkt) mit seiner Gefährtin, die ähnlich grantig ist, umgeben von (oft) 8 weiteren nackten Frauen, die ähnlich lebenslustig unterwegs sind. Dazu kommt eine unheimliche Umgebung, in der Tod und Leichen (Indien!) eine große Rolle spielen.
Das Ganze hat mit dem Sex, wie wir ihn verstehen, genau null zu tun. Die sexuelle Vereinigung steht als Symbol für die Vereinigung des männlichen und des weiblichen Prinzips zur Vollständigkeit, genauso wie alle anderen Merkmale aus dieser Ikonografie ihre eigene Bedeutung in dieser Mystik haben.
In den 70ern ist diese fernöstliche Mystik in den Westen gekommen ("Jai Guru Deva. Om", um John Lennon zu zitieren), und die Westler haben sich ausschließlich auf den Sex gestürzt und alles andere rundherum beiseite gelassen. Osho hat dann weitergemacht und das Neotantra "erfunden".
Heute lernt man auf einem Neotantra-Workshop bewusst zu atmen und dieses Atmen auf die sexuelle "Energie" zu beziehen (wobei in der ursprünglichen fernöstlichen Form mit "Atmen" keinesfalls die übliche Lungenatmung gemeint war, sondern bereits hier die Arbeit mit der inneren Energie gemeint war - das wissen aber die wenigsten, auch die "Tantralehrer" nicht, und so lernen wir auf Tantraworkshops immer noch zu hyperventilieren - siehe auch "holotropes Atmen", bei dem man laut seinem Entdecker ebenfalls in andere Bewusstseinszustände gelangen kann). Mit diesem bewussten und tiefen Ein- und Ausatmen wird dann die "Energie" im Zentralkanal in die einzelnen Chakren gelenkt und macht dort irgendetwas. Außerdem kommen noch einige sehr phantasievolle und sinnlich-schöne Rituale dazu, die ziemlich konträr zum "Ey, ficken" gelagert sind.
@Mitglied #469517: Ich war früher mal 10 Jahre lang Chemiker und bin heute seit einigen Jahrzehnten als Softwareentwickler tätig. Das ist ein Background, der keineswegs aus esoterischem Geschwurbel besteht, ich sehe mich durchaus auch als naturwissenschaftlich und technisch orientiert an. Ich hab früher auch mal gesagt "Ich glaube nur, was ich sehe". Aber ich hatte vor nicht ganz 20 Jahren ein persönliches Erlebnis, das mich diese Sichtweise hat hinterfragen lassen. In der Technik und in der Wissenschaft haben wir eine Schreibweise, die eindeutig transportierbar ist und bei jemandem, der sie versteht, eindeutig die Ergebnisse reproduziert, die derjenige, der eine Nachricht abgeschickt hat, gemeint hat - die Mathematik. Eine Formel ist eine Formel ist eine Formel. Da gibts (im Allgemeinen zumindest) wenig Spielraum für Interpretation. 2 + 2 = 4, zumindest im Dezimalsystem. Das gibts bei diesen "Energien" nicht. Niemand bisher hat Prana, Chi, Qi, ein Chakra, den Zentralkanal oder einen Meridian gesehen. Trotzdem haben es viele Menschen *erlebt*. Eine Tantralehrerin schreibt auf ihrer Seite "Ich kann dir lange den Geschmack einer Birne beschreiben. Du wirst nichts von ihrer Süße erfahren, bis du selbst eine Birne gekostet hast. Dann erst wirst du dich an den einzigartigen Geschmack von Birnen erinnern."
Es stimmt schon, es gibt keine "normierten" Tantraworkshops. Es gibt keine Prüfungen mit standardisierten Fragen, aus deren Beantwortung man ableiten kann, wie viel der Prüfling tatsächlich verinnerlicht hat (denn mit dem bloßen Lernen und Wiedergeben alleine ist es nicht getan). Insofern ist es immer ein gewisses Risiko, so einen Workshop zu buchen, weil man nie weiß, ob das, was dabei raus kommt, für mich als Person auch wirklich passt (Ein "Lernziel", das aber immer genannt wird, ist Achtsamkeit sich selbst gegenüber und "Nein" sagen zu lernen). Außerdem habe ich den leisen Verdacht, dass einige der Anbieter diese Workshops zumindest teilweise zur Aufarbeitung ihrer eigenen höchstpersönlichen Probleme verwenden - zumindest unbewusst. Was aber auch nichts heißen muss, denn ich habe schon wunderbare Workshops besucht, wo ich wusste, dass die Anbieterin ziemliche persönliche Probleme mit sich herumschleppt.
Das, was ich erlebt habe, hat meine Ehe nicht gerettet - eher im Gegenteil. Weil ich alleine dabei war (aber mit Wissen meiner damaligen Partnerin) und sie dann nicht mitgezogen hat (Das ist keine Schuldzuweisung!). Als Werkzeug zum Retten einer Beziehung würde ich einen Tantraworkshop auch nicht ansehen, das wird auch nirgendwo so angepriesen (meines Wissens nach). Möchte ich etwas für meine Beziehung tun, gibts absolut sinnvolleres. Möchte ich meine Sexualität weiterentwickeln, einmal ein wenig über den Tellerrand schauen, meine (gefühlte) Komfortzone verlassen und mich ein wenig dehnen, dann kanns schon sehr sinnvoll sein, sich so etwas mal anzuschauen. Mit dem Wissen im Hintergrund, dass es auch für mich nicht das Richtige sein kann. (Und wenn ich Angst habe, mein Partner könne sich verlieben: das kann er/sie im Supermarkt beim Gemüseregal auch! Wollen wir unsere Frauen wirklich soweit kontrollieren, dass wir ihnen immer männliche Artgenossen mitschicken und sie keinen Schritt irgendwo alleine gehen können? Irgendwo gibts das doch immer noch, habe ich gehört...)
Und noch ein Wort zur "Energie": Wir bestehen aus Materie, aus Atomen und deren Bestandteilen. Doch was sind diese Atome denn? Wenn wir der (westlichen!!!) Wissenschaft Glauben schenken, sind Materie und Energie nur 2 Seiten der gleichen Medaille (E = mc2). Je weiter wir in die Materie hineinschauen, umso seltsamer wird die ganze Angelegenheit. Schon die Heisenbergsche Unschärferelation ist nicht durch ungenaue Messgeräte bedingt, sondern ist eine systemimmanente Eigenschaft. Unterhalb einer gewissen Größe unserer üblichen physikalischen Größen stimmt die Physik nicht mehr (Planck-Einheiten). Und je mehr die Unterscheidungen zwischen fester(???) Materie und Energie verschwimmen, Feldgleichungen diese Zustände beschreiben und Phänomene wie verschränkte Photonen auftreten, umso eher bin ich gewillt, anzuerkennen, dass es "etwas" mehr geben kann, als bloß das, was wir in Zahlen gießen können.