Wenn ich an die 70er- und 80er-Jahre zurückdenke, war vieles einfach Alltag, was heute ganz klar als sexuelle Belästigung bezeichnet würde. Hinterherpfeifen, anzügliche Sprüche über Beine, Busen oder Po, taxierende Blicke. Das gehörte für uns junge Frauen fast selbstverständlich dazu.
Ob auf der Strasse, an der Bushaltestelle oder vor einer Baustelle: Irgendein Kommentar kam fast immer. Und wir? Wir lächelten oft verlegen oder beschämt und gingen weiter. Nicht, weil wir es toll fanden, sondern weil man uns vermittelt hatte, dass Männer eben so sind und frau das nicht so ernst nehmen sollte.
Dann kamen Frauen wie Alice Schwarzer in Deutschland und Anja Meulenbelt in den Niederlanden die anfingen, laut auszusprechen, was viele Frauen bis dahin nur gedacht oder still ertragen hatten. Plötzlich wurden Dinge benannt, die zuvor einfach als normal galten.
Vielleicht liegt hier auch ein Generationenkonflikt. Ich/Wir sind damit aufgewachsen, vieles hinzunehmen und zu schlucken. Die jüngere Generation ist deutlich wehrhafter, zieht klarere Grenzen und spricht Dinge offen an. Das wirkt auf manche meiner Generation vielleicht überempfindlich. Ich sehe es eher so: Sie akzeptieren vieles nicht mehr, was wir damals als unveränderliche Normalität hingenommen haben. Und das ist letztlich eine gute Entwicklung.
Also seid nicht zu streng mit uns Oldies. Wir sind in einer anderen Zeit gross geworden, mit anderen Regeln, anderen Erwartungen und einem ganz anderen Bewusstsein. Dass wir manches anders sehen oder anders reagiert haben, heisst nicht automatisch, dass wir es gut fanden. Oft kannten wir einfach nichts anderes.
Und damit bin ich raus.