Danke für eure schönen, teilweise sehr berührenden Geschichten. Ich mag es, aus den Biografien anderer zu erfahren. Und es hat mich bewogen, ein bißchen über meine leibliche Mutter nachzudenken.
Sie war Jahrgang 1934, ihr erstes lediges Kind bekam sie relativ spät mit 25, das zweite mit 27. In der Zeit war sie als Dienstmädchen in verschiedenen Haushalten, und sie war "in Schande", so wie ihre jüngere Schwester auch. Meine Großmutter hat beide Zeit ihres Lebens als Huren bezeichnet und dafür gesorgt, daß die beiden außerhalb ihres Dunstkreises auf dem bayerischen Land lebten. Ich war das dritte ledige Kind, wurde aber durch die Heirat meiner Mutter mit meinem Vater "legitim". Von ihm weiß ich wenig, er war ursprünglich aus Kroatien, lebte aber als Staatenloser in Deutschland. Erst mit Anfang 40, als mich Verwandte meines Vaters aus den USA kontaktierten, habe ich erfahren, daß er während des Krieges bereits als Jugendlicher nach Deutschland verschleppt und als Erntehelfer auf bayerischen Höfen eingesetzt worden war. Muß ihm dort gefallen haben, sonst wäre er nach dem Krieg nicht dorthin zurückgekehrt.
Ich habe lange Zeit mit Verbitterung und Zorn an meine Eltern gedacht, so sehr ich meinen Vater als Kind auch idealisiert habe. Er war ein Säufer und Schläger. Als meine Mutter starb, hatte sie gerade ihr 5. Kind auf die Welt gebracht, da war sie bereits geschieden und hatte anscheinend mehrere Liebhaber gehabt. Wie auch immer, sie hatte es nicht leicht. Wenn ich aber die wenigen Fotos von ihr ansehe - es sind genau genommen 3, die ich von ihr habe - dann sehe ich eine dunkelhaarige Schönheit, die drall und später als Mutter wie eine Fruchtbarkeitsgöttin aussieht: da hat sie ihr 2. Kind auf dem Arm und lächelt in die Kamera und sieht sehr lebensfroh aus. Das gefällt mir, ich stelle mir gern vor, daß sie trotz dieser spießigen Zeit mit dem Stigma der "Hure" gern gelebt hat. Es hat lange gedauert, bis ich mit ihr meinen inneren Frieden geschlossen hatte, etwas, das ich mit meiner Großmutter, die ihre beiden Töchter bis zu ihrem Tod als Huren bezeichnet hat, nie konnte.
Als ihr Mann, mein angeblicher Großvater, starb, habe ich erfahren, daß meine überlebende jüngste Tante ein uneheliches Kind meiner Großmutter war.
Wie auch immer, es wäre übertrieben zu sagen, daß ich besonders innig an meiner Mutter hänge, ich denke nicht oft an sie. Aber wenn, dann mittlerweile doch mit der Vorstellung, daß sie eine starke, lebensbejahende Frau war, der ich u.a. auch das dringende Bedürfnis verdanke, mich niemals so abhängig von Männern und Konventionen zu machen, wie sie es zu ihren Lebzeiten mußte. Darüber bin ich bis heute froh.